Skolelinux - Erfahrungsbericht eines Linuxlaien (DAU-Alarm)

Jürgen Schmidt j.schmidt at hslamspringe.de
Sat Apr 17 00:02:08 CEST 2010


Hallo,

nach langer Zeit melde ich mich wieder einmal und ich will euch heute 
über meine Erfahrungen mit Skolelinux berichten:

Wie einige sich vielleicht erinnern werden, habe ich einen Kombiserver 
(Haupt- und Terminalserver auf einem Gerät) aufgesetzt, der - so war 
zumindest meine "Vision" - einen PC-Raum mit am Ende 22 Thin-Clients 
versorgen sollte und auch für die Verwaltung mit ihren drei 
Windows-XP-Rechnern sowie 3 Laptopklassen als Domain- bzw. Fileserver 
dienen sollte.
Da ich aber alles andere als ein Linuxprofi bin, haben sich da doch 
einige Probleme bei der Installation und Konfiguration sowie in der 
Praxis ergeben, die ich im Folgenden (ich versuche mich kurz zu fassen) 
schildern möchte, damit dieses Feedback vielleicht bei der weiteren 
Entwicklung oder in der Dokumentation/ im Wiki berücksichtigt wird und 
anderen den Einstieg erleichtert wird.
- Die Installation selber ist eigentlich kein Problem, wenn man sich 
100% an das Handbuch hält. Ich hatte bei den ersten beiden 
Installationsversuchen nur ein Problem mit den beiden in den Server 
eingebauten Netzwerkkarten, die ich grundsätzlich vertauscht habe - also 
die an den internen Switch angeschlossene Karte für die Verbindung nach 
draußen nutzen wollte, was natürlich nicht ging. Beim dritten 
Installationsversuch habe ich das Problem aber dann umgangen, indem ich 
für die Installation des Servers eine Netzwerkkarte eingebaut habe und 
die zweite Karte erst nach Abschluss der Installation dazugebastelt 
habe. Leider hat mich dieses Problem aber doch einen kompletten Tag 
gekostet und es wäre sicher eleganter zu lösen gewesen (z.B. durch 
Umstecken der Kabel *gg*).
- Dadurch, dass für diesen Tag kein DHCP verfügbar war (dem Router 
musste ich ja DHCP verbieten, der Server bot es noch nicht an, da er 
noch nicht funktionierte), gab es doch einigen Tumult in den 
Laptopklassen und in der Verwaltung ("Hey Admin, mein Internet geht 
nicht!" - "Jopp, das Internet habe ich eben gelöscht, das muss ich erst 
neu installieren" ;-) ) Ich kann also nur davon abraten, eine 
Erstinstallation im laufenden Betrieb vorzunehmen. Eine abgeschlossene 
Testumgebung ist da Gold wert.
- Letztlich lief der Server dann aber und nun ging es daran, die 
Benutzerkonten anzulegen. Klasse, dass man eine .csv-Datei in LDAP 
importieren kann. So musste ich nur noch die Benutzerdaten entsprechend 
vorbereiten. Hier habe ich aber den Fehler gemacht, dass ich gleich alle 
350 Schüler eingelesen habe und nicht mit 2-3 Testaccounts erst einmal 
die richtige Formatierung der Datei überprüft habe. Auch habe ich die 
Gruppen (Klassen), denen die Benutzer zugeordnet werden sollten, zwar in 
der .csv angegeben, diese Gruppen aber nicht vorher angelegt. Nach ein 
paar Versuchen habe ich dann das richtige Format gefunden, die 
Gruppenzuordnung klappte auch und nun hatte ich über 2000 
Benutzerkonten, die vorgesehenen Benutzernamen stimmten nicht mehr und 
die Passwörter waren auch nicht so vergeben wie gewünscht. Ich bin in 
solchen Fällen ehr der radikale Typ, ehe ich hier also an mehreren 
Stellen die Benutzerdaten suchte und löschte, habe ich den Server ein 
weiteres Mal neu installiert und nun hatte ich die Benutzer auch korrekt 
in den Gruppen, man konnte sich auch am Server mit den User-Accounts 
anmelden. Also alles Klasse, ein Testsystem hätte auch hier viel Zeit 
und Nerven gespart.
- Nun ging es daran, die Thin-Clients einzubinden. Das hat auch sehr 
einfach geklappt, bei einigen Maschinen musste ich die Netzwerkkarten 
austauschen, die nicht PXE-fähig waren. Das ging aber schnell, ich hatte 
Hilfe von ein paar sehr engagierten Schülern der 7ten Klasse (die nur 
manchmal meine Denkprozesse gestört haben, naja an hyperaktive 
Jugendliche gewöhnt man sich ja mit der Zeit).
- An diesem Punkt war ich richtig glücklich und wollte schon eine Hymne 
auf Skolelinux schreiben. Und dann kam doch tatsächlich ein Lehrer an 
und behauptete, man müsse drucken können, wenn man am Computer 
irgendetwas erarbeitet hat. So ein *zensiert*.... Also gut, Drucker raus 
gekramt und per USB-Kabel an den Server angeschlossen. Und nix passiert, 
kein Popup "Neue Hardware erkannt, installiere Treiber" oder so. Und der 
Drucker tauchte auch sonst nirgendwo auf. Also rein in CUBS, ein wenig 
durch die Menüs geklickt, in der Doku geschmökert und dann frustriert 
Feierabend gemacht. Warum zur Hölle ist es so elendig kompliziert, einen 
simplen USB-Drucker zu integrieren und für alle Benutzer freizugeben? 
Drucken ist bis heute nicht möglich - ab morgen vielleicht, mal schauen.
- Von einer Konfiguration des Proxys habe ich dann Abstand genommen, da 
fehlt mir ein benutzerfreundliches Frontend und die Klassen sollten auch 
so schnell wie möglich den Raum in Betrieb nehmen, noch eine Woche 
Verzögerung für die Konfiguration des squid war einfach nicht mehr drin, 
immerhin musste ich zwei mal Klassen aus dem Raum unter Androhung 
körperlicher Sanktionen vertreiben, die schon an den Rechnern arbeiten 
wollten.
- Dann kam der große Tag, wir (also meine drei "Assistenten" und ich) 
hatten ja nun die Thin-Clients zuvor schon mal angeschaltet und uns auch 
an allen Geräten angemeldet, gleichzeitig und sogar mal ein wenig 
rumgespielt mit verschiedenen Programmen. Die Lernsoftware ist ja 
teilweise wirklich gut, finde ich. Ok, aber an diesem Donnerstag nach 
den Osterferien sollte der Raum mal im Betrieb getestet werden, also 
eine 9te Klasse geschnappt, ein paar einführende Worte zum Thema 
Benutzeranmeldung und Anwendungen in Linux gesprochen und die Jungs und 
Mädels dann einfach machen lassen. Sollten sie das neue System auf 
eigene Faust erforschen. Einige haben einfach nur gesurft, einige 
trieben sich in SchülerVZ rum, ein paar haben verschiedene Spiele 
gespielt (online und auch in Skolelinux vorhandene), ein paar haben mit 
OpenOffice Briefe geschrieben und ein paar haben Mails geschrieben. Also 
22 Schüler, 22 Clients, 22 verschiedene Anwendungen. Und was soll ich 
sagen... naja das System war lahm, schneckenhaft langsam, ein Druck auf 
eine Taste bewirkte nach etwa 2 Sekunden die Ausgabe eines Buchstabens 
auf dem Monitor, die Maus war nicht mehr zu gebrauchen. Der anwesende 
Lehrer und ich schauten uns an, er mit gerunzelter Stirn, ich rot vor 
Verlegenheit und dann brachen wir das Experiment ab, alle Schüler 
beendeten die gestarteten Programme und sie bekamen alle eine Aufgabe in 
OpenOffice eine Tabelle zu bauen. Nun wurde es wieder etwas schneller, 
als alle die gleiche Anwendung benutzten.

Der Lehrer hat dann mit anderen Gruppen noch drei Doppelstunden in dem 
Raum verbracht und versucht, einen EDV-Unterricht abzuhalten. Seine 
Leidensfähigkeit ist bewundernswert, ich habe mir keine weiter Stunde 
dort angetan, es war mir einfach zu peinlich, dass dieses von mir so 
angepriesene System nicht richtig lief.

Mein Fazit:
a) Skolelinux ist ein faszinierendes Projekt und von der Idee her auf 
alle Fälle unterstützenswert. In der von mir angedachten Form ist es 
aber noch nicht praxistauglich und die ganze Konfiguration erfordert zu 
viel Fachwissen, sorry wenn ich es so sage, aber Windows ist da 
intuitiver bedienbar - obwohl auch da die Konfiguration eines Servers 
nicht trivial ist. Die nächsten Entwicklungen sollten meiner Meinung 
nach in die Richtung gehen, dass auch reine (Windows-)Anwender zumindest 
eine Installation hinbekommen. In der Dokumentation sollte idealerweise 
Null Linuxwissen vorausgesetzt werden und alles Schritt für Schritt 
erklärt werden.
b) Sind 4 GB RAM für einen Kombiserver wirklich zu wenig? Den 
Ausführungen der Dokumentation folgend eigentlich nicht, die Performance 
ließ aber stark zu wünschen übrig und hier ist noch viel Raum für 
Verbesserungen.
c) Die Verwaltung der einzelnen Funktionen ist mir zu umständlich. Ich 
habe bei einem Kumpel, der einen Debian-Server mit 3 XP-Clients zuhause 
betreibt, gesehen, wie gut webmin funktioniert. Alle Funktionen und 
Konfigurationen in eins, die Konsole benutzt er fast überhaupt nicht 
(nur für Installationen manchmal). Ich mag die Kommandozeile nun einmal 
nicht, auch in Windows benutze ich cmd nur in Verbindung mit ping und 
sonst überhaupt nicht.
d) Neulinge sollten immer wieder und mit Nachdruck darauf hingewiesen 
werden, wie hilfreich ein Testsystem ist. Unabhängig und ohne den 
laufenden Betrieb zu beeinträchtigen den Server einzurichten und sich 
einfach so viel Zeit zu lassen, bis ALLES funktioniert wie gedacht ist 
sehr nervenschonend. Ich hasse mittlerweile "Deadlines" und auf die 
Frage "Wann ist es denn fertig, wann können wir denn endlich damit 
arbeiten?" sage ich nur noch "It's done when it's done - Duke Nukem 
Forever!"

Ich werde morgen nun den Server abklemmen, dem Router wieder DHCP 
erlauben und auf den Clients openSUSE installieren. Am nächsten 
Wochenende wird dann mein PC-Labor in der Hauptschule eingerichtet. Dann 
schnappe ich mir den Server und 3 alte Rechner und werde verschiedene 
Möglichkeiten installieren, konfigurieren und testen. Skolelinux werde 
ich aber auf alle Fälle weiter beobachten und immer mal wieder 
ausprobieren. Und in den Sommerferien werde ich einen neuen Schulserver 
einrichten, der als Domaincontroler mit Roaming Profiles, Proxy 
(Jugendschutz) und Fileserver arbeiten soll. Arktur, Debian, openSUSE 
und auch Skolelinux stehen zur Auswahl. Alle werde ich testweise 
installieren und versuchen, die Clients dort entsprechend einzubinden. 
Ergebnis offen, ich bin gespannt.

Soweit also der heutige Roman zum Wochenende, ich wünsche allen ein 
schönes selbiges.

Beste Grüße,

Jürgen.


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